Was es ist
Das Gedankenbuch, war eines meiner Tagebücher in der Kindheit und das bedeutendste von allen. Ich nahm es mit in die Schule, als Begründung, dass es ja kein Tagebuch sei, sondern ein Gedankenbuch, das jeder lesen durfte (was natürlich Schwachsinn war. Ich hatte es gehasst, wenn es jemand las). Ich befüllte es über so viele Jahre mit Texten, Bildern und Zeichnungen, dass ich damit anfing, immer wieder »Zukunftskommentare« zu älteren Einträgen hinzufügen.
Als ich aufhörte, es zu führen, hat es sich wie ein großer Verlust angefühlt, obwohl ich so unregelmäßig darin geschrieben habe. Heute noch lese ich mir dieses Buch gerne durch.
Jetzt will ich hier ein neues Gedankenbuch schreiben und vielleicht sogar ein paar Einträge von früher mit den jetzigen ergänzen.
Da es ja ein Tagebuch wird, werde ich meine Einträge direkt nach dem Schreiben veröffentlichen, damit ich nicht in Versuchung komme, sie umzuschreiben und sie ihre Authentizität nicht verlieren. Die Letzte Korrektur wird deshalb erst nach der Veröffentlichung gemacht. Fehler können und werden sich regelmäßig einschleichen.
Tage
So, es ist jetzt spät und normalerweise würde ich um diese Uhrzeit schon schlafen, denn ich muss früh raus. Und Tage, die sind anstrengend, so geht es wohl jedem. Vor ein paar von diesen Tagen erst, bin ich raus aus der Arbeit und habe erstmal leise geschrien und in die Luft geschlagen.
Der ganze Stress, der sich aufgestaut hatte, alle Gefühle, die ich unterdrücken musste, hatten den Weg nach draußen gesucht.
Um vier 4 Uhr Morgens aufstehen, fertig machen, zur Arbeit fahren, um dann um 17 Uhr wieder heimzukommen, während man Vollzeit arbeitet, kann schon an den Nerven zerren.
Und ich… Ich lieb’s. Ohne Witz, ich könnte mir nichts besseres vorstellen, als jeden Tag so früh aufzustehen, mich für die Arbeit vorzubereiten und mich von Kindern innerlich in den Wahnsinn treiben, aber auch lächeln, zu lassen, während ich von außen hin, möglichst gelassen wirke.
Je länger ich diesen Beruf ausübe, desto mehr kommt mir in den Sinn, dass mit Kindern arbeiten Therapie ist: Durch die Arbeit mit Kindern fängt man an, seine eigenen Gefühle reflektierter zu betrachten. Und sind wir uns mal ehrlich: Von wem kann man mehr akzeptiert und ehrlich kritisiert werden, als von Kindern.
Das Komische am »Komisch-Sein«
Ich war komisch, ich bin komisch und ich werde es immer bleiben. Ich weiß nicht woran es liegt, was ich ausstrahle, damit es jeder immer sofort erkennt: Mein komisches Ich.
Es ist ein Ruf, ein Schubladen Denken, egal wie ich mich zurechtmache oder Verhalte, ich bin es immer. Nie die gleiche »Komischheit«, doch immer komisch.
Also die heutige Frage: Wie zum Teufel oder wann geht das weg?
Irgendwie kommt es mir so vor, als würden die Leute mich in eine Schublade stecken wollen, weil sie mich schwer in eine Schublade stecken können.
Keine Sorge: Ich werde diesen Gedankengang näher erläutern.
Je nach Situation und Laune, schlüpfe ich täglich in andere Rollen, die man aber nie vollständig einer Gruppe zuordnen kann. Ich bin ein Mensch, der sich sehr gerne immer wieder anders stylt und dabei auch anders fühlt.
Und so kann ich wirken wie ein Mauerblümchen und im nächsten Moment laut und besserwisserisch werden.
So kann ich ungewöhnlich höflich durch meine Ausdrucksweise wirken, aber zuhause kein sauberes Wort mehr sprechen, weil ich vor meiner Mutter das bin, was sie in mir sieht.
Ich sehe nie vollständig aus wie Klischee und mein Aussehen wechselt von Stunde zu Stunde, außer auf Arbeit, da lege ich wert auf die ungeschminkte Bequemlichkeit
Und wenn ich sage, dass sich mein Aussehen ändert, dann meine ich das auch so. Klar, ich habe meine Lieblingslooks, aber ein Mensch der mit wechselnden Kontaktlinsenfarben spielt, keine zwei Tage hintereinander dieselbe Augenfarbe trägt, den kann man eigentlich nur in die Seltsam-Sein-Schublade stecken.
Ich meine, sogar mein kleiner Cousin hatte gemeint, dass ich seltsam bin, als wir noch Kinder waren, weil ich im freien einen Baum von Onkels Hof abgemalt habe.
Okay, to be fair, meine Familie findet mich sonst eigentlich nicht komisch.
Manche Familienmitglieder finden mich höchstens verändert, seitdem ich in die Stadt gezogen bin.
Andere schätze ich sehr dafür, dass sie mich sehen und mir zuhören.
Für Jemand nahestehenden bin ich eine notorische Lügnerin, die gleich als hysterisch betitelt und belächelt wird, wenn ich sie darum bitte beim nächsten Mal was zu unterlassen, das mich verletzt hat. Falls sich irgendjemand fragt, warum ich mich so oft entschuldige, dann weil ich gelernt habe mich für diese Person zu entschuldigen, weil sie dieses Wort offensichtlich nicht aussprechen kann.
Sorry, da bin ich jetzt weit abgedriftet. Ich liebe diese Person, und will jetzt auch nicht so hart sein, also zurück zum Thema:
Denn je länger ich so darüber nachdenke, desto weniger bin ich der Meinung, dass ich als komisch angesehen werde. Klar, ich habe seltsam schnell wechselnde Hobbys und mein Aussehen bleibt auch nie gleich, ich liebe es mich zu verkleiden, singe in der Öffentlichkeit, steuere billige Drohnen und Hubschrauber, beschrifte und markiere meine Romane mit radierbaren Stiften und wenn ich mal nichts zu tun habe, höre ich mir einen Kultursender an, während ich ein 1000- oder 2000-Teile-Puzzle in zwei bis drei Tagen aufbaue.
Aber das finden Leute nicht komisch. Nein, sie sehen einen Charakter, eine verspielte junge Frau, die sich für sich selbst nicht schämt.
Und auch wenn das nicht der Wahrheit entspricht, finde ich das schon echt cool. ;)
Sicherheit durch Wörter und meine psychische Lage
Anmerkung: In diesem Text teile ich sehr persönliche Rückblicke auf meine Kindheit und Jugend. Ich thematisiere darin unter anderem psychischen Druck im Elternhaus, belastendes Essverhalten und emotionale Erschöpfung. Bitte lies nur weiter, wenn du dich gerade stabil genug dafür fühlst
Ich bin ein extrem emotionaler Mensch. Und darüber habe ich zuletzt wieder nachgedacht.
Früher, als Kind, viele viele Jahre, (mindestens ab Volksschulalter bis zum 15 Lebensjahr.) habe ich täglich geweint. als Teenager gab es keine Nacht in der ich mich nicht in den Schlaf geweint habe. Bei Hausaufgaben in Kombination mit meiner Mutter, wusste ich davor schon, dass ich mich bis zum nächsten Tag nicht mehr davon erholen würde, weshalb ich ständig versucht habe, diese Situationen zu vermeiden.
Ich weiß auch noch genau die Phase, in der ich mich selbst »krank« gegessen habe- ich habe versucht extrem viel Mist in mich reinzustopfen, in der Hoffnung, dass mir so übel wird, dass ich brechen muss, weil ich nicht lügen wollte, um zuhause zu bleiben. Ich wollte offiziell krank sein, nicht schwänzen. Ich hatte Angst vor der Schule. Ich wurde ständig magersüchtig und seltsam genannt und war mit keinem sonderlich vertraut.
Was noch dazu kam, war meine Unfähigkeit, ernste Freundschaften einzugehen,- mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass ich Bindungsängste habe (Vorsicht: Selbstdiagnose). Ich will deshalb in Therapie gehen. Es ist mittlerweile besser geworden, aber es belastet mich immer noch sehr. Sucht euch Hilfe, auch wenn ihr euch selbst für eurer Wohlergehen verantwortlich fühlt!- wodurch ich mich dauerhaft einsam gefühlt habe. Das war der Grund, weshalb ich angefangen habe, zu schreiben.
Später dann habe ich meine erste und letzte Psychotherapie gemacht. Ab vierzehn Jahre bis fünfzehn glaube ich. Ergebnis: Ich habe weniger geweint, aber ich war kein einziges Mal wirklich ehrlich zu meiner Therapeutin und habe ihr nicht wirklich gesagt was Sache ist. Was ich ihr hätte sagen sollen:
- »Ich esse mich krank, weil mir ständig vorgeworfen wird, dass ich lüge und ich mich sonst schuldig fühle.«
- »Nach jeder Therapiestunde versucht meine Mutter herauszufinden ob ich etwas negatives über sie erzählt habe, was mir immensen Druck macht, so wenig wie möglich über sie zu erzählen.«
- »Mein Vater hatte durch einen großen Familienstreit einen psychischen Aussetzer. Als er vor mir, mit Brustschmerzen zusammengebrochen ist, hatte ich Todesangst um ihn. Als er ins Krankenhaus kam, hatte meine Tante, die dort arbeitete, meiner Mutter Bescheid gesagt, die mich später von meinem Vater weggerissen hatte, weil sie mich schützen wollte.« Ist in der Zeit, als ich die Therapie begonnen habe passiert, nicht davor.
- »Ich könnte Freundschaften schließen, es gäbe so viele, die nett zu mir sind, aber ich bin unfähig und stoße immer jeden von mir weg, weil es mir irgendwie Angst macht.«
- »Ich traue mich nicht Teenager-Sachen zu tun, obwohl es mir niemand konkret verboten hat.«
- »Ich verstelle mich immer, überall. Ich bin bei jeden wer anders, sodass ich gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich sein will.«
- »Ich fühle mich immer schuldig und vergesse keine Fehler. Niemals. Ich fühle mich schuldig, dass es mir schlecht geht. Ich fühle mich schuldig, dass ich immer weinen muss und verspüre Ekel gegenüber mir selbst.«
- »Ich vermisse meinen Bruder. Er hat sich verändert, irgendwie wirkt er so, als würde er sich gar nicht mehr richtig daran erinnern, wie wir früher zueinander waren.« Zu der Zeit wusste ich nicht, wie richtig ich mit dieser Vermutung lag, auch wenn ich es bis jetzt auch noch nicht richtig weiß, sondern nur angedeutet bekommen habe.
- »Ich glaube ich habe mich in ein Mädchen verliebt, aber davor waren es immer nur Jungs und ich kann damit nicht umgehen. Was würde meine Mutter über mich denken?«
Ich habe mit 15 aufgehört, zu weinen, nicht weil es mir sehr viel besser ging, sondern weil ich es nicht mehr konnte. Ich habe innerlich geweint, aber ich konnte keine Tränen mehr vergießen. Meine richtige Therapie begann mit 16 Jahren und nannte sich Internat. Ein richtig unhygienisches, überteuertes Drecksinternat, mit bescheuerten Regeln, aber es hat mir Sicherheit gegeben. Ich habe mich zum ersten Mal irgendwo, so richtig zuhause gefühlt. Und jedes Wochenende habe ich mir gewünscht, ich dürfte dort bleiben, aber das war keines dieser Internate, welches am Samstag offen hatte. Zum ersten Mal konnte ich vor sozialen Kontakten nicht fliehen, habe erzwungenermaßen gute Freunde gefunden und bin froh darüber. Trotzdem habe ich zu fast allen nach der Schule den Kontakt verloren, weil ich es nicht konnte, wenn ich dazu nicht gezwungen wurde.
Und das ist der »Ist-Stand«. Ich wollte eigentlich auf etwas ganz anderes hinaus, jetzt habe ich eine komplette psychologische Offenbarung über meine Kindheit geteilt.
Was ich eigentlich ursprünglich sagen wollte ist, dass mich Wörter immer am besten geheilt haben. Nicht Geschichten, nicht das Aufschreiben von Gefühlen, sondern Wörter. Weil ich für Wörter etwas empfinde. Ich empfinde durch Wörter, ich empfinde für Wörter und ich ich verspüre gegenüber Wörtern Empathie, als wären sie etwas Lebendiges.
Das hört sich seltsam an und ist kompliziert zu erklären, aber es ähnelt vielleicht Musikern, die sich in bestimmte Töne und Melodien einfühlen können. Jedes Wort hat für mich eine Persönlichkeit, eine komplexe Persönlichkeit, die verschiedene Gefühle in sich trägt. Es folgt keiner Norm, es ist völlig wahllos.
Will ich glücklich sein, denke ich an Wörter, die ich sympathisch finde und die meiner Meinung nach eine eher positive Neigung haben. Beispiele dafür wären: »jenes, Zeit, Saphir, gerissen, belegen, liebend gerne, Kraft, erläutern, wiederum…«. Ich müsste mal eine neue Liste anfertigen. (haha, da ist noch eines: »anfertigen😅)«
Wenn ich mich wiederum selbst triggern will, baue ich Wörter in meine Texte ein, vor denen ich beispielsweise Ekel verspüre: »nippen, Flasche/Flascherl, Cola, Scheibenkleister, schmieren, Lache, Pickerl, Lippen, krausen…«
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber es gab für mein Leben immer nur einen Helden, einen Freund, eine Sicherheit, die für immer sein wird. Und das sind Wörter.
Im reinen sein
Heute habe ich Mut gefasst. Zuletzt habe ich es einmal probiert: Eine Beziehung. Ich dachte, ich würde es vielleicht schaffen. Eine Person, die ich sehr wertschätze, die versuchte mir Sicherheit auf die richtigste Weise man es machen könnte, zu schenken. Doch ich fühlte mich unsicher, erdrückt, obwohl ich diesen Mann unglaublich lieb habe. Ich fühlte mich unglaublich erdrückt und hatte den Kontakt komplett abgebrochen.
Jetzt habe ich ihm ganz offen und ehrlich alles erklärt, nicht um Vergebung gebeten, obwohl dieser wundervolle Mensch nicht einmal böse auf mich ist. Der Kontakt ist nach wie vor, für das Erste still gelegt, doch wenigsten können wir beide nun mit gutem Gewissen weiterziehen.
Ich möchte nun in diesem Beitrag meine Erfahrungen schildern und auch den Lerneffekt, den ich daraus gezogen habe.
Zur näheren Erklärung: Diesen Mann hatte ich zum ersten Mal in einer Bar vor einem Jahr kennengelernt, als ich zum 18. Geburtstag einer Freundin eingeladen war. Er hat Humor, ist offen jedem gegenüber, ist vorurteilsbewusst, hat gute Manieren, ist schlau und König der Löwen ist sein Lieblingsfilm (verdammter Traummann).
Als wir uns in dieser Nacht das erste Mal gesehen haben, hatte ich mein derzeitiges Lieblingskleid an. Ein kurzes rotes A-Linien-Kleid, das meine Sanduhr-Figur so gut betonte, dass ich darüber hinwegsehen konnte, dass es nicht in meiner Lieblingsfarbe grün war. An dem Abend hatten wir miteinander getanzt, ich kann nicht tanzen, aber er hatte das mit seiner Führung gut verstecken können😅. Und obwohl er mich in der Nacht total verzaubert hat, habe ich ihn zurückgewiesen, weil ich wusste, dass ich nicht bereit war, für eine ernste Beziehung.
Doch wie das Schicksal es wollte, hatten wir uns im Jahr darauf wieder getroffen. Diesmal zu Silvester, als ich in mit genau dieser Freundin, in meinen 20. Geburtstag gefeiert habe, der am ersten Jänner ist. Und dieses Mal hatte ich etwas getan, das ich in meinem ganzem Leben noch nie getan hatte: Ich bin zu ihm gegangen, habe mich mit ihm unterhalten und ihn am nächsten Tag auf Instagram angeschrieben. Daraufhin hatten wir ein paar Dates, ich hatte ganz offen darüber gesprochen, weshalb ich bisher noch keine Beziehung hatte und er hat mir zugehört, sich immer versichert, dass es nicht zu schnell geht und die Bremse gezogen, wenn er das Gefühl hatte, dass ich es gerade nicht schaffe, ihm ehrlich mitzuteilen, dass ich mich erdrückt fühle.
Das alles half aber nichts. Das einzige Ergebnis, das es erzielte war, dass ich die gesündeste Beziehung hätte haben können und mich schuldig fühlte, weil ich ständig die Bremse zog, sobald ich mich emotional zu sehr angreifbar machte. Allein das Problem mit meinen Bindungsproblemen anzusprechen, kostete mich so viel Kraft, dass ich kurz darauf nur mehr vor mich hin gestottert habe und nicht mehr wusste wo ich hinschauen sollte.
Wie ich mich verhalte, wenn ich mich erdrückt fühle:
- Sprachversagen (stottern bis hin zum vollständigen Verstummen)
- Erstarren
- wandernde und zitternde Augen
- das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen
Jedenfalls hatte ich den Kontakt zu ihm abgebrochen. Und es war die einzig richtige Entscheidung. In meiner Verfassung könnte ich niemals eine gesunde Beziehung führen. Doch er hatte mir eine Sache geschenkt: Den Mut, mir Hilfe zu suchen. Jetzt sitze ich da, habe einen Brief an meine Hausärztin geschickt, den ich demnächst ansprechen werde und hoffe, dass sie mir hilft, einen Therapieplatz zu finden. Denn auch wenn ich mich nicht in einer lebensbedrohlichen Situation befinde, fühle ich mich nicht wohl und ich habe mittlerweile die Überzeugung, dass ich ein Recht darauf habe, die Unterstützung zu bekommen, die ich aktuell noch nicht habe.